Akupunktur zur Raucherentwöhnung: was Studien und Leitlinie sagen

Dr. med. Alexander Hierl

Autor: Dr. med. Alexander Hierl, Facharzt für Kardiologie und Innere Medizin

Tipps zum Rauchstopp

Ohrakupunktur, NADA-Protokoll und Rauchstopp im Überblick

Nach Akupunktur fragen viele, die mit dem Rauchen aufhören wollen. Die bislang gründlichste Auswertung, ein Cochrane-Review mit 38 Studien, fand in den ersten Wochen nach dem Rauchstopp einen Vorteil gegenüber einer Scheinakupunktur. Hier lesen Sie, woher die Methode kommt, was die Belege tragen und worauf Sie bei Anbietern, Kosten und im Alltag achten können.

Wie die Akupunktur in die Suchtmedizin kam

Die Idee stammt aus Hongkong. Dort berichtete der Arzt H. L. Wen 1972, dass Akupunktur an vier Körper- und zwei Ohrpunkten mit elektrischer Stimulation die Entzugszeichen bei Opiatabhängigen abschwächte. Am Lincoln Hospital in der New Yorker Bronx entwickelte der Arzt Michael Smith daraus ein Verfahren, das nur Punkte am Ohr nutzt und ohne Strom auskommt. 1985 wurde dafür die National Acupuncture Detoxification Association gegründet, kurz NADA. Entstanden ist das Protokoll in der Behandlung von Heroinabhängigen, später wurde es auch bei Alkohol und anderen Drogen eingesetzt. Heute ist es das am weitesten verbreitete Akupunkturverfahren in der Suchtbehandlung.

Die „WHO-Indikationsliste“

1979 trafen sich auf einem WHO-Symposium in Peking Ärztinnen und Ärzte, die Akupunktur anwenden, und stellten eine Liste mit 43 Erkrankungen zusammen, in der auch Nikotinabhängigkeit steht.

2003 veröffentlichte die WHO den Bericht „Acupuncture: Review and Analysis of Reports on Controlled Clinical Trials“, der kontrollierte Studien bis 1998 auswertet. Tabakabhängigkeit steht dort in der zweiten von vier Gruppen: Erkrankungen, bei denen eine therapeutische Wirkung gezeigt wurde. Zum Charakter der Liste schreibt die WHO, sie beruhe auf gesammelten Studienberichten.

Viele deutsche Fassungen der „WHO-Liste“ enthalten Punkte wie „Entgiftungsbehandlung und Therapiebegleitung bei Suchterkrankungen“. Sie entsprechen einer Indikationsliste, die sechs deutsche Akupunkturgesellschaften 1997 gemeinsam erarbeitet haben.

Was Studien zum Rauchstopp zeigen

Die gründlichste Auswertung ist der Cochrane-Review von Adrian White und Kollegen aus dem Jahr 2014. Er fasst 38 randomisierte Studien zu Akupunktur, Akupressur, Laser und Elektrostimulation zusammen:

  • Akupunktur im Vergleich zu Scheinakupunktur, in den ersten sechs Wochen: im Vergleich zu Scheinakupunktur erreichte die echte Akupunktur 22% mehr Rauchstopps.
  • Gegenüber einer Beratung zeigte sie keinen Vorteil.
  • Elektrostimulation war nicht besser als eine Scheinbehandlung.

Die Autoren bewerten die Studien als nicht frei von Verzerrungen. Für einen Nutzen über sechs Monate hinaus gibt es keine konsistenten Belege. Bei fachgerechter Anwendung bezeichnen die Autoren die Verfahren als sicher.

Eine Übersichtsarbeit von Zhang und Kollegen aus dem Jahr 2024 kam zu einem ähnlichen Bild. Sie fand Hinweise auf kurzfristige Effekte, für die Langzeitwirkung fehlten Daten.

Entzugserscheinungen, Verlangen, Schlaf: was belegt ist

Beim Rauchstopp wird Akupunktur vor allem mit der Erwartung eingesetzt, Entzugserscheinungen zu dämpfen. Dazu gibt es einzelne Studien. In einer Untersuchung aus Taiwan (Wu und Kollegen, 2007) erhielten 118 Raucherinnen und Raucher acht Wochen lang Ohrakupunktur oder eine Scheinbehandlung. Die Entzugsbeschwerden gingen in der Akupunkturgruppe deutlich zurück. Die S3-Leitlinie folgert daraus, Akupunktur scheine sich auf die Entzugssymptome positiv auszuwirken.

Aus Suchtprogrammen für Alkohol, Opiate und Kokain berichten Anwender von weniger Verlangen, ruhigerem Schlaf, weniger Anspannung und davon, dass Patienten länger in der Behandlung bleiben. Eine Übersicht im American Journal on Addictions (Otto, 2003) gibt diese Erfahrungen wieder und hält zugleich fest, dass die Forschung dazu noch lückenhaft ist. Welche Entzugserscheinungen nach dem Rauchstopp typisch sind und wie lange sie dauern, lesen Sie unter Rauchstopp: Entzugserscheinungen.

Was die S3-Leitlinie empfiehlt

Die deutsche S3-Leitlinie „Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung“ (AWMF-Register 076-006, Fassung 2021) fasst die Studienlage so zusammen:

„Sowohl in der ersten Leitlinienerstellung als auch in der Leitlinienrevision zeigt die Datenlage zur Akupunktur keinen spezifischen Effekt auf die langfristige Abstinenz. Akupunktur wird daher nicht als Maßnahme zur Unterstützung eines Rauchstopps empfohlen. Da die Literatur aber auch nicht auf ein spezifisches Schadenspotential der Maßnahme hindeutet, wird (…) keine Empfehlung zur Nicht-Anwendung von Akupunktur in der Tabakentwöhnung formuliert.“

Eine eigene Schlüsselempfehlung mit Empfehlungsgrad gibt es zur Akupunktur nicht, die Aussage steht im Hintergrundtext der Leitlinie. Die Leitlinie wird derzeit überarbeitet. Kurzberatung, Verhaltenstherapie und Medikamente wie Nikotinersatz oder Vareniclin empfiehlt sie dagegen ausdrücklich. Einen Überblick über diese Methoden gibt der Beitrag Raucherentwöhnung: Methoden laut Leitlinie.

Akupunktur mit anderen Methoden kombinieren

Wenn Sie Akupunktur nutzen möchten, planen Sie sie als Zusatz:

  • Stopp-Termin festlegen und mit der Behandlerin besprechen, wie die Sitzungen um diesen Tag herum liegen. Die ersten Tage nach der letzten Zigarette sind für die meisten die schwersten.
  • Beratung dazunehmen: Das Rauchfrei-Telefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) ist unter 0800 8 31 31 31 kostenfrei erreichbar, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. In der Ausstiegsphase ruft die Beratung auf Wunsch bis zu fünfmal zurück.
  • Medikamente klären: Ob Nikotinersatz, Vareniclin oder ein anderes Mittel für Sie passt, besprechen Sie mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
  • Vorbereitung: Ideen für die Wochen vor dem Stopp finden Sie im Leitfaden Mit dem Rauchen aufhören.

Seriöse Akupunktur erkennen

  • Ärztliche Qualifikation: Die Zusatzbezeichnung „Akupunktur“ vergibt die Ärztekammer nach einer Facharztanerkennung, 200 Stunden Kurs-Weiterbildung und einer Prüfung.
  • NADA-Ausbildung: Wer nach dem NADA-Protokoll arbeitet, sollte eine Ausbildung bei der NADA Deutsche Sektion e.V. nachweisen können. Fragen Sie nach dem Zertifikat.
  • Sterile Einmalnadeln: Für Akupunktur auf Kassenkosten schreibt der Gemeinsame Bundesausschuss sie vor. Fragen Sie danach, auch wenn Sie selbst zahlen.
  • Keine Versprechen: Angebote, die mit garantierter Rauchfreiheit oder festen Erfolgsquoten werben, gehen über das hinaus, was die Studien zeigen.
  • Klare Kosten: Preis pro Sitzung und geplante Zahl der Sitzungen sollten vorher feststehen.

Diese Fragen können Sie im Vorgespräch wörtlich stellen:

  • „Welche Qualifikation haben Sie für Akupunktur, und arbeiten Sie nach dem NADA-Protokoll?“
  • „Wie viele Sitzungen planen Sie, in welchem Abstand, und was kostet eine Sitzung?“
  • „Verwenden Sie sterile Einmalnadeln?“
  • „Wie passt die Akupunktur zu Nikotinersatz oder einer Beratung, die ich parallel nutze?“
  • „Ich nehme einen Gerinnungshemmer. Ist das für die Behandlung wichtig?“

Nebenwirkungen und Risiken

In einer großen deutschen Beobachtungsstudie (Witt und Kollegen, 2009) wurden gut 229.000 Patientinnen und Patienten von Ärzten mit Körperakupunktur behandelt, vor allem wegen Schmerzen. 8,6 von 100 berichteten über mindestens eine Nebenwirkung. Am häufigsten waren kleine Blutungen oder Blutergüsse (6,1 von 100), gefolgt von Schmerzen (1,7 von 100) und Kreislauf- oder anderen vegetativen Beschwerden (0,7 von 100). Schwere Komplikationen waren sehr selten. In der Studie zur Ohrakupunktur von Wu und Kollegen traten keine größeren Nebenwirkungen auf. Wer Gerinnungshemmer nimmt, spricht das vor der ersten Sitzung an, weil Blutergüsse die häufigste Nebenwirkung sind.

Was Akupunktur zur Raucherentwöhnung kostet

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen Akupunktur nach der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses nur bei zwei Diagnosen: bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei chronischen Knieschmerzen durch Arthrose, jeweils seit mindestens sechs Monaten. Akupunktur zur Raucherentwöhnung zahlen gesetzlich Versicherte deshalb selbst. Fragen Sie vorab nach dem Gesamtpreis für die geplanten Sitzungen.

Verlangen-Wellen im Alltag überstehen

Ob mit oder ohne Akupunktur: Das Rauchverlangen kommt in Wellen und ebbt nach einigen Minuten wieder ab. Für diese Minuten hilft ein Plan.

  • Stille Sätze bereitlegen, zum Beispiel: „Diese Welle geht vorbei, ich warte sie ab.“ „Fünf Minuten schaffe ich.“ „Ich habe aufgehört und fange nicht wieder an.“
  • Hände und Kopf beschäftigen: ein Glas Wasser trinken, kurz vor die Tür gehen, jemanden anrufen oder eine Runde Praline Paradise oder Brilliant Blocks spielen.
  • Auslöser aufschreiben: Notieren Sie eine Woche lang, wann das Verlangen am stärksten ist, etwa beim ersten Kaffee, nach dem Essen oder bei Stress, und legen Sie für jede Situation eine Ersatzhandlung fest.
  • Hunger einplanen: Viele essen nach dem Rauchstopp mehr. Tipps dazu stehen unter Rauchstopp und Gewicht.

Hilfe beim Aufhören in München

In der Praxis TabExit unterstützen wir den Rauchstopp mit einer kurzen ärztlichen Behandlung: Nach einem Arztgespräch folgen Injektionen an acht Akupunkturpunkten am Ohr. Das ist ein eigenes Verfahren und keine Akupunktur nach dem NADA-Protokoll. Die in diesem Beitrag genannten Studien haben es nicht untersucht. Was zur Methode bekannt ist, lesen Sie unter Rauchfrei-Spritze Studienlage. Ablauf und Kosten: Raucherentwöhnung München. Praktische Tipps: Mit dem Rauchen aufhören. Weitere Beiträge: Tipps, darunter Rauchstopp: Entzugserscheinungen, Rauchstopp und Gewicht und Rauchen und Herz.

Einen Termin können Sie über tabexit.com vereinbaren.

Fazit

Ohrakupunktur hat in der Suchtmedizin eine lange Tradition, vor allem als NADA-Protokoll in Programmen für Opiat- und Alkoholabhängigkeit. Für den Rauchstopp zeigt der Cochrane-Review einen kleinen Vorteil in den ersten Wochen und keinen gesicherten Nutzen nach sechs bis zwölf Monaten. Einzelne Studien deuten darauf hin, dass Ohrakupunktur Entzugsbeschwerden dämpfen kann. Die S3-Leitlinie empfiehlt Akupunktur nicht, rät aber auch nicht davon ab, weil kein besonderes Schadensrisiko erkennbar ist. Die sogenannte WHO-Liste ist eine historische Zusammenstellung und keine Empfehlung. Wer Akupunktur nutzen möchte, kombiniert sie mit Beratung und, wenn passend, Medikamenten, wählt eine qualifizierte Behandlerin und rechnet mit Selbstzahlerkosten.

Häufige Fragen

Hilft Akupunktur beim Rauchen aufhören?

Im Cochrane-Review von 2014 waren nach echter Akupunktur in den ersten sechs Wochen etwas mehr Menschen rauchfrei als nach Scheinakupunktur. Nach sechs bis zwölf Monaten war kein gesicherter Unterschied mehr erkennbar. Die S3-Leitlinie empfiehlt Akupunktur deshalb nicht, rät aber auch nicht davon ab.

Was ist das NADA-Protokoll?

Eine standardisierte Ohrakupunktur mit bis zu fünf Nadeln pro Ohr an den Punkten Shen Men, Sympathikus, Niere, Leber und Lunge. Die Sitzung dauert 20 bis 45 Minuten und findet meist in einer Gruppe statt. Entwickelt wurde das Protokoll in den 1970er- und 1980er-Jahren in New York für die Suchtbehandlung.

Empfiehlt die WHO Akupunktur zur Raucherentwöhnung?

Nein. Der WHO-Bericht von 2003 führt Tabakabhängigkeit unter den Erkrankungen, bei denen eine Wirkung gezeigt wurde, aber weitere Belege nötig sind. Die WHO schreibt selbst, dass nur nationale Gesundheitsbehörden festlegen können, wofür Akupunktur empfohlen wird.

Kann Akupunktur Entzugserscheinungen lindern?

Einzelne Studien deuten darauf hin. In einer Studie aus Taiwan gingen Entzugsbeschwerden nach acht Wochen Ohrakupunktur stärker zurück als nach einer Scheinbehandlung, beim Rauchstopp selbst gab es keinen gesicherten Unterschied. Die S3-Leitlinie hält eine Wirkung auf Entzugssymptome für möglich.

Zahlt die Krankenkasse Akupunktur zur Raucherentwöhnung?

Gesetzliche Krankenkassen zahlen Akupunktur nur bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei chronischen Knieschmerzen durch Arthrose. Zur Raucherentwöhnung zahlen gesetzlich Versicherte selbst.

Welche Nebenwirkungen hat Akupunktur?

Am häufigsten sind kleine Blutergüsse und Schmerzen an der Einstichstelle, seltener Kreislaufbeschwerden. In einer deutschen Studie mit gut 229.000 Behandelten berichteten 8,6 von 100 über mindestens eine Nebenwirkung, schwere Komplikationen waren sehr selten. Wer Gerinnungshemmer nimmt, sollte das vorher ansprechen.

Ist die Behandlung bei TabExit eine Akupunktur?

Die Behandlung bei TabExit ist ein eigenes Verfahren mit Injektionen an acht Akupunkturpunkten am Ohr. Die Akupunkturstudien in diesem Beitrag haben es nicht untersucht. Was zur Methode bekannt ist, steht auf der Seite Rauchfrei-Spritze Studienlage.

Quellen

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  12. NADA Deutsche Sektion e.V. Was ist das NADA-Protokoll? nada-akupunktur.de
  13. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG). Rauchfrei-Telefonberatung. rauchfrei-info.de/unterstuetzung/telefonberatung/
  14. Akupunkturindikationsliste 1997 der sechs führenden deutschen Akupunkturgesellschaften, abgedruckt als Anhang B eines Akupunktur-Lehrbuchs (Faksimile: praxis-widderich.de). Nur zur Herkunft der Liste, kein Wirksamkeitsbeleg.